„Harveys neue Augen“: die (Spiel)Welt durch die Brille einer Psychotikerin

„Was ist nur mit Lilli los??“ – das mag man sich fragen, wenn man Daedalics „Harveys neue Augen“ bzw. „Harvey’s New Eyes“ spielt. Die Protagonistin Lilli, ein unscheinbares, zartes Mädchen mit blonden Zöpfen, tötet gleich im ersten Kapitel die gesamte Schülerschaft der Klosterschule. Schlussendlich erhält sie die Diagnose, psychisch erkrankt zu sein. Ein professioneller Blick hinter die Kulissen der Diagnose „Schizophrenie“ im Kontext des Spiels.

Mord und Totschlag – sehenden Auges in die Katastrophe

Lilli wirkt aufs Erste ein wenig obskur – man fragt sich, warum sie beispielsweise nicht spricht. Ich persönlich habe das erstmal als „persönliche Note“ des Spiels hingenommen und weiter nicht hinterfragt. Von der Oberin und anderen Charakteren erhält unsere stille Protagonistin Aufträge, welche sie gewissenhaft auszuführen versucht. Jede Auftragsausführung geht allerdings mit einem toten Mitschüler einher. Die Tötungen erfolgen jedoch niemals direkt; beim Ausführen der Aufgaben geschehen diese jedes Mal in einer Art ungünstiger Verkettung von Umständen, welche allerdings meist absehbar gewesen wäre. Leichen bekommt Lilli nie zu Gesicht – eine Art Kobolde taucht auf, welche den Tatort und die Leiche mit einer pinken Flüssigkeit bepinseln. Unsere Protagonistin scheint unfähig, die Konsequenzen ihrer Taten zu erkennen.
Auf diese Weise erzeugt das Spiel eine sehr interessante Trennung zwischen Spieler und Spielfigur: zumeist verfügen wir über dasselbe Wissen wie der Charakter, den wir spielen. In diesem Fall jedoch wird uns zugemutet, sehenden Auges eine ganze Reihe an NPCs über den virtuellen Jordan zu bringen, während unsere Spielfigur nichts davon zu begreifen scheint. Trotz der skurillen und unterhaltsamen „Unfälle“ ist dies schwer auszuhalten und bedeutete für mich ein völlig neues Spielerlebnis.

Kobolde bepinseln die Leichen mit pinker Farbe und verhindern eine Konfrontation mit der grausamen Realität
Harveys neue Augen: Kobolde bepinseln die Leichen mit pinker Farbe und verhindern eine Konfrontation mit der grausamen Realität (Quelle: eigener Screenshot)

Leidet Lilli an einer Form von Schizophrenie?

Würde Lilli vor ein Gericht gestellt, müsste zunächst ihre Schuldfähigkeit geklärt werden. Hierzu würde ein Gutachter mit entsprechendem fachlichen Hintergrund (Psychologe, Psychiater) hinzugezogen. Bei Lilli erkennt man eine Reihe von Symptomen, die auf eine Störung aus dem schizophrenen Formenkreis schließen lässt:

  • Einige der Charaktere, mit denen Lilli interagiert, stellen sich als visuelle Halluzinationen heraus, selbstverständlich auch die Kobolde.
  • Außer einigen Geräuschen nutzt Lilli ihre Stimme nicht zur Kommunikation, man könnte daher von einer Form von Mutismus oder extremer Sprachverarmung ausgehen.
  • Ihre Affekte wirken an einigen Stellen inadäquat (Lachen bei einem Unglück) oder verflacht.
  • Für Außenstehende sind Lillis Handlungen nicht nachvollziehbar, wirken desorganisiert (Kommentar Erzähler: „In IHRER Welt ergab das Sinn.“, viele irritierte Kommentare der Oberin und der Mitschüler).
  • Als Spieler sehen wir durch Lillis Augen, sehen die Kobolde und die nicht real existierenden anderen Figuren und verstehen, warum Lilli tut, was sie tut. Könnte es daher sein, dass nicht nur wir, sondern auch Lilli den Erzähler hört? In diesem Fall würde es sich beim Erzähler um eine akustische Halluzination im Sinne kommentierender Stimmen handeln.

Andere bei der schizophrenie potenziell auftretende Symtpome (Gedankenabreißen / Einschiebungen in den Gedankenfluss, die Vorstellung von sich ausbreitenden oder von Außen eingegebenen Gedanken, …) werden durch das Spiel nicht explizit dargestellt, ebenso haben wir wenig Anhaltspunkte, wie lange Lillis Zustand schon andauert, was eine konkrete Diagnose schwierig macht – eine Diagnose aus dem schizophrenen Formenkreis erscheint mir aber gesichert, da sowohl Halluzinationen, desorganisiertes Verhalten und verflachte Affekte vorliegen. Stimmt die Hypothese, dass der Erzähler eine akustische Halluzination von Lilli in Form einer kommentierenden Stimme darstellt, reicht allein schon dieses Kriterium für die Diagnose einer Schizophrenie – sofern die Störung seit mindestens einem Monat vorliegt. Leider verrät das Spiel uns dazu nichts Genaues. Andernfalls könnten wir auf die Diagnose „kurze psychotische Störung“ zurückgreifen.
Schuldfähig wäre Lilli allerdings in keinem der Fälle.

Ein symbolischer Realitätseinbruch

Vom bereits aus „Edna bricht aus“ bekannten Psychologen Dr. Marcel werden mittels Hypnose durch die neuen Leuchtdioden-Augen des Stoffhasen Harvey Verbote in Lillis Unbewusstem platziert, welche sie an neuen bösen Taten hindern sollen. Lilli lernt allerdings schnell, mit diesen „inneren Dämonen“ zu kämpfen und diese zu besiegen. Zur Aufhebung des letzten Verbotes, die Beherrschung zu verlieren, spielt Lilli mit einer Gruppe Psychiatrie-Bewohner ein Pen & Paper-Rollenspiel, in welchem die Gruppe Kobolde besiegen muss. Die Kobolde tauchten bereits bei der Aufhebung der anderen Verbote auf und sind dieselben, die die Leichen pink bepinselten. Während dieses Spiels sieht man Lilli und ihre Mitspieler in der Welt des Rollenspiels und verfolgt die Schlacht gegen die Kobolde, die dort endgültig besiegt werden. Mit der Konsequenz, dass der von ihnen bewachte Staudamm bricht und Lilli in einer Flut pinker Flüssigkeit untergeht. Es stellt sich heraus, dass sie mit der Gruppe im „Tal der unbequemen Erinnerungen“ gelandet ist. Dort sieht sie in Form von Steinskulpturen -diesmal ohne pinke Farbe- die von ihr begangenen Tötungen. Schreiend findet sie sich in der Psychiatrie wieder und übergibt sich auf der Toilette.

Brechender Staudamm als symbolische Darstellung des Realitätseinbruchs
Harveys neue Augen: symbolische Darstellung des Realitätseinbruchs in Form eines brechenden Staudamms .
(Quelle: eigener Screenshot)

Wie könnte man dies nun aus analytischer Perspektive verstehen?

Auch ich kann an dieser Stelle natürlich nur Vermutungen anstellen, aber die machen Spaß:

Im Spiel erleben wir an vielen Stellen, dass Lilli von ihren Mitschülern schlecht behandelt wird. Offenbar hat sie daraufhin mörderische Anteile und Gewaltphantasien entwickelt – letztere werden manchmal auch benannt-, die durch massive Abspaltung (Lilli wird von den Anderen als brav, angepasst und spießig wahrgenommen) ein Eigenleben entwickelt haben und handlungsleitend wurden – gleichzeitig allerdings mit einer solchen Realitätsverzerrung, dass sie offenbar tatsächlich nicht in der Lage war, die Konsequenzen wahrzunehmen. Durch die Psychose ist Lilli eigentlich in einer ganz „praktischen“ Position: sie kann ihre Gewaltphantasien und Racheimpulse ausleben, ohne mit ihrem Über-Ich konfrontiert zu werden. Ich ertappte mich selbst dabei, wie ich mich in der Identifikation mit Lilli auch freute – so ganz arglos auf so skurrile Weise Katastrophen zu verursachen machte irgendwie auch Spaß.

Der Realitätseinbruch lässt allerdings nicht auf sich warten – der Staudamm bricht; erst scheint es, als ob Lilli nun ganz in der pinken Welt der Realitätsverzerrung und Halluzination untergeht, doch das „Tal der unbequemen Erinnerungen“ konfrontiert sie nun mit ihren Taten.

Spannenderweise sieht Lilli aber auch an dieser Stelle nur steinerne Skulpturen der Leichen – von der ganz harten Realität wird sie von ihrem Unbewussten offenbar noch immer abgeschirmt, vermutlich hätte sie diese auch nicht aushalten können. Das Entsetzen führt allerdings dazu, dass Lilli aus dem „Tal der unbequemen Erinnerungen“ wieder aufwacht und (vorerst) wieder halbwegs in der Realität angekommen zu sein scheint.

Anstelle echter Leichen sieht Lilli nur steinerne Skulpturen der Verstorbenen, die den Todeszeitpunkt darstellen
Harveys neue Augen: Steinerne Skultpuren zeugen von den Morden, die Lilli im Laufe des Spiels begangen hat (Quelle: eigener Screenshot)

Eine neurobiologische Perspektive zum Schluss

Warum Lilli wohl ursprünglich psychotisch wurde und wie lange sie es wohl schon war? Dazu macht das Spiel keine verlässlichen Aussagen. Das Spiel deutet an einigen Stellen an, dass Lilli eine gewaltvolle Vergangenheit hinter sich hat. Für eine Psychose sind allerdings in erster Linie neuro(bio)logische Faktoren verantwortlich (siehe z.B. Tsuang et al. (2001)) mit eher kleinem Einfluss von Umweltfaktoren (siehe z.B. Sullivan et al. (2004)). Im Zusammenhang mit Schizophrenie werden inzwischen verschiedene Neurotransmitterungleichgewichte untersucht und als ursächlich für die Erkrankung angesehen (z.B. Brisch et al. (2014)). Dr. Marcel hätte also mit der Gabe von Antipsychotika -die in dieses Neurotransmitterungleichgewicht eingreifen- sicher bessere Ergebnisse erzielt als mit der „Harvey-Hypnose“. 😉

Fazit

„Harveys neue Augen“ gelingt es auf fantastische Weise, eine Spielwelt mit der Welt einer Psychose so zu verweben, dass lange Zeit nicht klar ist, ob es sich um „Eigenheiten des Spiels“ oder eine manifeste Psychose der Spielfigur handelt. Durch den Split zwischen dem, was wir kognitiv durchdringen und unserer Protagonistin offenbar vorenthalten ist, baut das Spiel ein äußert interessantes Spielerlebnis auf. Lillis Symptome können aller Wahrscheinlichkeit nach einer schizophrenen Psychose zugeordnet werden, die mit einer medikamentösen Behandlung sicher besser in den Griff zu bekommen gewesen wäre als mittels Dr. Marcels Hypnose. Während die Kobolde mit ihrer pinken Farbe symbolisch die Realitätsverkennung darstellen, finden wir im Dammbruch den symbolischen Realitätseinbruch: Lilli erkennt die Konsequenzen ihrer Taten; allerdings werden diese von ihrem eigenen Unbewussten möglicherweise aus Selbstschutz nur in abstrakterer Form – als steinerne Skulpturen – dargstellt. Psychoanalytisch betrachtet -und ein wenig überspitzt- könnten wir Lillis Psychose auch als „Freifahrtschein“ verstehen, der es ihr ermöglicht, ihre Racheimpulse gegenüber den gemeinen Mitschülern auszuüben, ohne von einer inneren oder äußeren Instanz bestraft zu werden.

Quellen und Verweise

  • Titelbild: Harveys neue Augen – Daedalic Entertainment. Eigener Screenshot.
  • Brisch, R., Saniotis, A., Wolf, R., Bielau, H., Bernstein, H. G., Steiner, J., … Gos, T. (2014). The role of dopamine in schizophrenia from a neurobiological and evolutionary perspective: old fashioned, but still in vogue. Frontiers in psychiatry, 5, 47. doi:10.3389/fpsyt.2014.00047
  • Sullivan, Patrick & Kendler, Kenneth & Neale, Michael. (2004). Schizophrenia as a Complex Trait: Evidence From a Meta-analysis of Twin Studies. Archives of general psychiatry. 60. 1187-92. doi:10.1001/archpsyc.60.12.1187.
  • Tsuang, M., Stone, W., & Faraone, S. (2001). Genes, environment and schizophrenia. British Journal of Psychiatry,178(S40), S18-S24. doi:10.1192/bjp.178.40.s18

Mitreden? Gerne!
Hinweis: mit der Nutzung der Kommentar- oder Likefunktion stimmst du der Verarbeitung deiner Daten gemäß den Datenschutzbestimmungen dieses Blogs zu.

3 Kommentare zu „„Harveys neue Augen“: die (Spiel)Welt durch die Brille einer Psychotikerin

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s