[Celeste]: Spieglein, Spieglein… ein neuer Blick auf Madeleine: wie können wir verdrängte Aggression als Schlüssel zu Madeleines Psychodynamik verstehen?

Was für ein fantastisches Spiel. Celeste – das Dark Souls der Platformer-Games mit einem liebenswerten Rotschopf namens Madeleine, geplagt von einer Depression und Panikstörung. Es kursieren viele Interpretationen, in denen die Spiegelbild-Madeleine als Personifizierung von Madeleines psychischer Erkrankung gedeutet wird. Überspitzt lautet die Botschaft dann in etwa: „Akzeptiere deine Schwäche (bzw. psychische Erkrankung), und du kannst alles erreichen“. Ich möchte die Spiegelbild-Madeleine hingegen aus einer tiefenpsychologischen Perspektive nach C.G. Jung als Madeleines „Schatten“ deuten und aufzeigen, inwieweit Aggression sowohl als Ursache als auch als Lösung von Madeleines Depression und Panikstörung verstanden werden kann.

[Achtung – der gesamte Text enthält Spoiler]

Ein psychotherapeutischer Blick auf Madeleine

Bevor wir zur Aggressions-Hypothese kommen, schauen wir uns mal mit einer psychotherapeutischen Brille an, was wir über Madeleine im Verlauf des Spiels erfahren:

Madeleine stellt hohe Ansprüche an sich selbst und ihre Leistung, kippt bei Misserfolg allerdings häufig in große Selbstzweifel und Selbstabwertungen. Wir sehen, dass Madeleine wenige soziale Kontakte pflegt und niemanden wirklich an sich heranlässt. Einzig ihre Mutter und eine Freundin scheinen über ihre Symptomatik Bescheid zu wissen, wobei der Kontakt zur Freundin offenbar schon seit längerer Zeit abgebrochen ist – Madeleine wirkt recht vereinsamt. In sozialen Interaktionen wird eine Selbstwertproblematik deutlich; so bietet sie beispielsweise Herrn Oshiro ihre Hilfe an, um zumindest ein Mal etwas Gutes zu tun, obwohl sie sich damit in Gefahr begibt.

Caleste: Selbstwertproblematik Madeleine. Maybe I can actualle do something good.
Selbstwertthematik: Madeleine scheint ihren Wert aus ihren Taten bzw. ihrer Bedeutung für andere zu ziehen. Vergangene gute Taten blendet sie dabei aus.

Madeleines Panikattacken können wir eindrücklich selbst miterleben; des weiteren berichtet sie Theo von zwanghaftem Grübeln (Rumination), einem Empfinden von Perspektivlosigkeit und Gefühlen von Einengung verbunden mit Scham. Ihre bisherige Strategie zum Umgang damit sei das Trinken gewesen.

Andererseits erleben wir auch eine Madeleine, die ein enormes Durchhaltevermögen an den Tag legt und nach und nach Vertrauen zu Theo aufbauen kann.

Madeleine den Spiegel vorhalten

Es dauert nicht lange, bis wir im Spiel dem ersten Spiegel begegnen und aus diesem eine „Spiegelschwester“ von Madeleine bricht. Um zu verstehen, was es mit diesem „Zwilling“ auf sich hat, betrachten wir zunächst die Symbolik von Spiegeln:

Spiegeln haftet seit jeher etwas Mystisches an. In Märchen zeigen sie uns häufig Verborgenes oder Zukünftiges, bringen eine ungekannte Wahrheit ans Licht und sprechen zuweilen auch zu uns. Schauen wir in einen Spiegel, verdoppeln wir uns auf gewisse Weise: durch diese Gegenüberstellung von uns selbst ist es uns möglich, uns unserer selbst bewusst zu werden. Ebenso sehen wir im Spiegel auch das, was hinter uns liegt – der Spiegel offenbart uns in dieser Hinsicht also mehr, als unsere eigenen Augen uns zeigen können. [1] Jedoch sehen wir ein seitenverkehrtes Abbild; wir betrachten also eine „andere Seite“ von uns.

Spiegel: "Verdopplung" im Dienste der Bewusstwerdung
„Verdopplung“ im Dienste der Bewusstwerdung

Aggression

Kehren wir also nun zurück zur „Spiegelschwester“ – ist diese auch eine andere, bisher verborgene, Seite Madeleines? Die „Spiegelschwester“ handelt in vielerlei Hinsicht aggressiv und verletzend und konfrontiert Madeleine mehrmals mit unangenehmen Wahrheiten. Insbesondere anderen Personen gegenüber handelt die Spiegelschwester abwertend und aggressiv; so beispielsweise gegenüber Herrn Oshiro, als dieser Madeleine nicht gehen lassen möchte. Vergleichen wir das mit dem, was wir über Madeleine erfahren haben, sehen wir tatsächlich eine „andere Seite“ Madeleines, eine Art Gegenstück, das sich selbstständig gemacht hat: Madeleine verbrachte viel Zeit und Energie damit, Herrn Oshiros Hotel aufzuräumen und auf seine Angebote einzugehen, obwohl sie ihre Reise schon lange fortsetzen wollte. Erst das Zutagetreten der Schattenschwester sorgte dafür, dass Madeleine das Hotel verlassen konnte – allerdings zu einem hohen Preis: der Verfolgung durch Herrn Oshiro.

Lebendigkeit & Vitalität: die kraftvolle Seite

Gleichzeitig erscheint Madeleines „Spiegelschwester“ an vielen Stellen auch deutlich kraftvoller und vitaler als Madeleine selbst: so lässt sie sich nicht vom „Dialog-Bilderrahmen“ einengen, wird laut, wehrt sich, als sie von Madeleine verfolgt wird, lässt sich nicht einschüchtern und spricht, wie ihr der Schnabel gewachsen ist. Madeleine hingegen erleben wir häufig – nicht nur im inneren Dialog – als eher zurückhaltend, manchmal sogar unterwürfig.

Madeleines "Spiegelschwester" lässt sich nicht begrenzen - sie wirkt kraftvoller und vitaler als Madeleine.
Madeleines „Spiegelschwester“ lässt sich nicht begrenzen – sie wirkt kraftvoller und vitaler als Madeleine.

Das Problem: Verbergen und Vermeiden des eigenen Schattens

Diese aggressive und kraftvolle Seite verbirgt Madeleine lange Zeit vor Theo; erst nach den Vorkommnissen im Tempel berichtet sie ihm in der Nacht am Lagerfeuer beschämt von dieser „Spiegelschwester“. Sie erzählt, dass sie nach Außen den Eindruck macht, als ob sie alles ganz gut im Griff habe, aber keiner wirklich wisse, welche Kämpfe sie eigentlich ausfechtet. Was sie nach Außen präsentiert, wird in der analytischen Psychologie Carl Gustav Jungs als „Persona“ bezeichnet, also der Teil der Persönlichkeit, den wir gerne anderen Menschen zeigen. Anteile, die wir vor anderen Menschen und vor uns selbst verstecken möchten, erhalten ihren Platz im sogenannten „Schatten“ – einem unbewussten Teil unserer Persönlichkeit. Madeleines „Spiegelschwester“ scheint daher der personifizierte Schatten zu sein: alle Anteile, die Madeleine an sich nicht wahrnehmen möchte, die unangenehmeren, „kantigeren“ Seiten der Persönlichkeit, schienen ihr bis dahin verborgen zu sein. Die Abgeschiedenheit des Celeste-Bergs in Kombination mit der großen körperlichen Anstrengung scheinen Madeleines Abwehr so weit dezimiert zu haben, dass sich dieser Schattenteil nun in geballter Kraft manifestiert. Vielleicht hilft ihr auch der innere und äußere Abstand zum Alltag, nun einen innerpsychischen Raum zu schaffen, in dem sie sich mit ihren inneren Anteilen auseinandersetzen kann und muss. Der Tempel tut sein Übriges: ihr wird im wahrsten Sinne des Wortes ein Spiegel vorgehalten. Durch die im Spiegel stattgefundene Verdopplung kann Madeleine nun tatsächlich diesem Schattenanteil gegenübertreten und sich seiner auf diese Weise bewusst werden. Allerdings vermeidet sie auch jetzt eine Konfrontation und flieht vor der sie nun verfolgenden Schattenschwester.

Madeleine wird von ihrem eigenen "Schatten" verfolgt
Madeleine wird von ihrem eigenen „Schatten“ verfolgt.

Bis zum Besteigen des Berges scheint Madeleine also in der Lage gewesen zu sein, diesen Schattenanteil von ihrem Bewusstsein fern zu halten und die aus ihm stammenden aggressiven Impulse zu unterdrücken. Eine solch massive Abwehr aufrecht zu erhalten, kostet viel Energie. In psychodynamischen Modellen zur Entstehung von depressiven Erkrankungen finden wir häufig die Annahme, dass einer der zugrundeliegenden Mechanismen in einer Abwehr von aggressiven Impulsen besteht; ebenso in einer Art innerem Rückzug, einer „Stilllegung des Selbst“ [2]. Madeleines Depression könnte also der Abwehr ihrer aggressiven und kraftvolleren Anteile geschuldet sein. Auch die Panikattacken können auf diese Weise sinnvoll erklärt werden, da sich in ihnen die Angst vor dem unkontrollierten Einbrechen des Schattens manifestieren. Dass Madeleine ihre Panikattacke während der Gondelfahrt übrigens genau in dem Moment erleidet, in dem ihre Schattenschwester auftaucht, bekräftigt diese Annahme.

Wie kommt es nun, dass Madeleines Schattenschwester auch gegen Madeleine selbst so destruktiv und aggressiv auftritt?

Dies scheint mir der Tatsache geschuldet, dass Madeleine die Auseinandersetzung mit ihren Schattenseiten vermeidet; im Gegenteil, sie diese sogar unterdrückt und im Verlauf des Spiels sich ganz von ihnen trennen möchte. Diesem Phänomen begegnet man auch regelmäßig in der psychotherapeutischen Praxis: findet eine Person keine adäquate Möglichkeit, mit ihren aggressiven Impulsen umzugehen, richtet sie diese häufig gegen sich selbst – in Form von Selbstabwertungen oder selbstverletzendem Verhalten.

Auch im Spiel zeigt sich, dass Madeleines (durchaus nachvollziehbarer) Wunsch, sich von dieser unangenehmen Seite ihrer selbst zu trennen, gegenteiligen Effekt hat: die Schattenschwester bringt Madeleine zu Fall, ihr gesamter zurückgelegter Weg scheint verloren, sie fällt im wahrsten Sinne des Wortes wieder zurück zum Fuß des Berges.

Madeleines Fall als Symbol für den gescheiterten Versuch, sich von einem elementaren Teil ihrer Persönlichkeit zu trennen
Madeleines Fall als Symbol für den gescheiterten Versuch, sich von einem elementaren Teil ihrer Persönlichkeit zu trennen.

Dort – räumlich wie auch psychisch am Tiefpunkt angekommen, taucht abermals Großmütterchen auf, die den Archetyp der Alten Weisen verkörpert (mit einer Portion schrulligem Humor). Großmütterchen bringt die entscheidende Wende, indem sie Madeleine auf die Notwendigkeit einer Auseinandersetzung mit ihrer Schattenschwester weist. Sie vermutet hinter dem Verhalten der Schattenschwester Angst. Damit könnte sowohl die Angst gemeint sein, die beispielsweise Madeleines nahezu naivem Verhalten gegenüber Herrn Oshiro entgegensteht. Auch möglich wäre es, die Angst als „Gegenseite“ von Madeleines Entschlossenheit und Überzeugung, den Berg zu besteigen, zu verstehen, oder auch als eine Angst der Schattenschwester, von Madeleine endgültig abgespalten zu werden.

Letzteres zeigt sich in der Flucht der Schattenschwester vor Madeleine, welche die Auseinandersetzung nun angehen wollte. Hier konstelliert sich nun die umgekehrte Dynamik zum Anfang des Spiels: damals verfolgte die Schattenschwester Madeleine. Nun ist es Madeleine, die ihre Schattenschwester verfolgt; allerdings mit dem Ziel der Auseinandersetzung, während die Schattenschwester glaubt, nun endgültig verlassen zu werden. Aus dieser empfundenen Bedrohung heraus entfaltet sich nochmals die destruktive Seite, die Madeleine mit Vernichtung droht, bis eine Auseinandersetzung unumgänglich ist und zur Überraschung der Schattenschwester mit einer Versöhnung statt Verbannung endet.

Madeleine verfolgt ihre "Schattenschwester"
Madeleine verfolgt ihre „Schattenschwester“ .

Die Lösung: Integration

Psychodynamisch geschieht hier also eine Integration des Schattens, die sich im Spiel durch die Vereinigung der beiden jungen Frauen zu einer Person darstellt. Der zuvor so gefürchtete aggressive Anteil stellt sich als gar nicht zwingend destruktiv heraus! Das lateinische Verb „aggredi“ kann mit „sich daranmachen, etwas zu tun“ oder „ans Werk gehen“ übersetzt werden und muss nicht ausschließlich im Wortsinn des „Angreifens“ verstanden werden [3]. Das bedeutet, dass die Energie in der Aggression durchaus auch konstruktiv genutzt werden kann, wenn sie in die richtigen Bahnen gelenkt wird. An dieser Stelle geschieht genau das: durch die Integration des aggressiven und vitalen Persönlichkeitsanteils steht Madeleine neue Energie für einen zweiten Dash zur Verfügung! Außerdem katapultiert ihre Schattenschwester Madeleine oft über weite Strecken nach oben, sodass der tiefe Fall schnell wieder wettgemacht ist. Psychodynamisch kann auch so argumentiert werden, dass durch die nicht mehr nötige energieraubende „Deckelung“ der Schattenanteile neue Energie für den Lebensvollzug frei wird.

Symbolische Darstellung der Schattenintegration: Madeleine erhält pinke Haare (Zeichen für einen zusätzlichen Dash) und einen "Level up" - es hat also eine Reifung der Persönlichkeit stattgefunden.
Symbolische Darstellung der Schattenintegration: Madeleine erhält pinke Haare (Zeichen für einen zusätzlichen Dash) und einen „Level up“ – es hat also eine Reifung der Persönlichkeit stattgefunden.

Nach der Vereinigung der beiden Anteile erlebt Madeleine im Übrigen keine Panikattacke mehr – ein Hinweis darauf, dass sie nun nicht mehr fürchten muss, von unbewussten Anteilen geflutet zu werden? Ebenfalls wirkt sie weitaus weniger depressiv – weil sie ihre psychische Energie nun nicht mehr auf die Deckelung aggressiver Impulse verwenden muss, sondern deren Kraft konstruktiv einsetzen kann?

Mitreden? Gerne!
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[1] https://symbolonline.de/index.php?title=Spiegel
[2] Vgl. z.B. Menzos, S. (2015). Lehrbuch der Psychodynamik. Die Funktion der Dysfunktionalität psychischer Störungen. Vandenhoeck & Ruprecht.
[3] PONS Online-Wörterbuch: https://de.pons.com/%C3%BCbersetzung/latein-deutsch/aggredi (abgerufen am 3.10.2019).

Ein Kommentar zu „[Celeste]: Spieglein, Spieglein… ein neuer Blick auf Madeleine: wie können wir verdrängte Aggression als Schlüssel zu Madeleines Psychodynamik verstehen?

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