Psycho-Blick auf RPG-Charakter: self-made vs. vorgegeben

Self-made Character oder bekannter Held?: „The Elder Scrolls V: Skyrim“ und „The Witcher 3“ im Vergleich

RPGs machen einfach Spaß, keine Frage. Allerdings scheiden sich manchmal die Geister, wenn es um den Helden/die Heldin geht: lieber eine „fertige“ Figur mit einer Biografie und einem Charakter? Oder eine vorerst namenlose Gestalt, die ich selbst designe und „ins Leben“ bringe? Wo liegen jeweils die psychologischen Reize der beiden Varianten? Mit wem kann ich mich besser identifizieren?

Schauen wir uns dazu doch mal zwei große Titel an: The Witcher 3 wartet mit Geralt von Riva auf, The Elder Scrolls V: Skyrim mit einem Helden, den man selbst erschafft. Offenbar funktioniert beides – The Witcher 3 verkaufte sich über 25 Millionen Mal [1], Skyrim sogar über 30 Millionen Mal [2].

The Dragonborn: The Elder Scrolls V: Skyrim

Seien wir mal ehrlich: wer von uns hat noch nicht überproportional viel Zeit und Energie in die Erstellung eines Helden / einer Heldin in Skyrim gesteckt, um ihn oder sie dann für den Rest des Spiels nur noch mit Helm und von hinten zu sehen?
Manch einer geht sogar so weit zu sagen, dass das Charaktererstellungsmenü das Wichtigste am ganzen Spiel darstellt.

Und obwohl wir wissen, dass wir unsere Figur künftig nur noch von hinten sehen, machen wir uns die Arbeit, vertiefen uns in Frisur, Augenfarbe und Kriegsbemalung. Es macht offenbar etwas mit uns. Wir identifizieren uns mit dieser Figur, die wir da erschaffen. Ich denke, wir spielen damit schlussendlich auch mit unserer eigenen Identität. Wer bin ich? Was macht mich aus? Wie würde ich gerne sein? Vielleicht erschaffen wir im Spiel einen Gegencharakter zu unserem eigenen, vielleicht unser Ideal-Selbst, vielleicht etwas dazwischen. Die (meist unbewusste) Auseinandersetzung hilft, sich mit der Figur zu identifizieren. Gleichzeitig bietet sie freilich durch die Tatsache, dass keine Charaktereigenschaften automatisch zu ihr gehören und keine nennenswerte Hintergrundgeschichte erzählt wird, eine fantastische Projektions- und Identifikationsfläche.

Geralt von Riva, der Schlächter von Blaviken – The Witcher 3

Wie ist das dann mit Geralt? Freilich haben wir sowohl in den Dialogoptionen als auch seiner Frisur gewisse Gestaltungsmöglichkeiten, dennoch haben wir hier einen „Mann mit Profil“.

Ich persönlich habe mich auch mit Geralt identifiziert, allerdings doch auf einer anderen Ebene als ich das in Skyrim oder anderen Self-made-Character-RPGs erlebt habe. Sicher kommt die Identifikation schon dadurch zustande, dass ich meine Intentionen mit der Figur mittels Steuerung umsetzen kann, dass ich selbst dafür sorgen muss, nicht zu „sterben“, verschiedene Dialogoptionen zur Verfügung habe usw. Die lange Spielzeit tat sicher ihr Übriges.

Ein bereits „fertiger“ Charakter lädt vielleicht auch eher dazu ein, Handlungsoptionen zu wählen, die man mit einem „eigenen“ Charakter nicht ausprobieren würde – wobei in Geralts Fall natürlich die Konsequenzen eines eventuell auch etwas „gröberen“ Verhaltens in Betracht gezogen werden müssen. Ich jedenfalls habe festgestellt, als „Geralt“ doch ein wenig mehr auszuprobieren, als ich es mit einem „eigenen“ Charakter gewagt hätte – ganz im Sinne eines Probehandelns ohne Folgen in der Realität. Andere Menschen „probehandeln“ vielleicht gerade mit einem „leeren“ Charakter mehr.

So oder so scheint es mir, als müsste man sich mit einem Geralt mehr auseinandersetzen als mit dem selbstgebastelten „Dragonborn“, wo die Auseinandersetzung in meiner Wahrnehmung hauptsächlich bei der Charaktererstellung passiert. In „The Witcher 3“ bin ich durchweg mit Geralts Verhalten (und Verhaltensoptionen) konfrontiert, muss dazu Stellung beziehen und mich entscheiden. Was passt zu ihm? Was passt zu mir? Was ist für den Fortgang der Story günstig?

Die Story von „The Witcher 3“ schien mir auch durch die größere Charakterkomplexität von Geralt, seiner Biografie und Beziehungen, mehr Fahrt aufzunehmen und tiefer zu sein als das bei „Skyrim“ der Fall ist. Das mag freilich auch daran liegen, dass es durch die Bücher ein ganzes „Witcher-Universum“ gibt, ganz abgesehen vom Storytelling und den Cutscenes im Spiel; dennoch habe ich das Gefühl, dass man es hier mit einem „fertigen“ Charakter etwas leichter hat.

Fazit: Projektion oder Konfrontation?

So könnte man überspitzt diesen Aspekt der beiden Games vergleichen. In der Projektion sehe ich mein Inneres in einer fremden Figur abgebildet. Dabei kann es sich sowohl um mein „Ideal-Selbst“, um verdrängte Anteile (jungianisch der „Schatten“), um dunkle Seiten (die ich im Alltag nicht ausleben würde) oder auch um mir selbst bewusste Anteile handeln. Das funkioniert bei einer im Vorfeld „leeren“ Figur ganz gut.

Geralt habe ich mehr als ein Gegenüber erlebt, mit dem ich mich einerseits identifizieren, von dem ich mich andererseits aber auch abgrenzen wollte. Ich war immer wieder aufs Neue mit ihm, seiner Biografie und seinem Charakter konfrontiert, hatte abzuwägen, was „zu ihm“ gehört, was „zu mir“ gehört. Vielleicht hat diese Konfrontation zu einer bewussteren Auseinandersetzung geführt als das mit einem „Dragonborn“ möglich war. Für mich hat Geralt definitiv besser funktioniert.

[1] https://www.gamersglobal.de/news/128078/cd-projekt-witcher-reihe-durchbricht-marke-von-25-millionen-verkauften-exemplaren-gescha . Abgerufen am 24.8.2019
[2] https://www.playstationlifestyle.net/2017/02/07/fallout-4-sales-might-be-comparatively-higher-than-skyrims/ . Abgerufen am 24.8.2019

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Titelbild: Angamharamba, Angampora, Lizenz: CC BY-SA 3.0

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