Gamescom-Congress 2019: „WHO has gaming disorder?“ – WHO-Bashing in seliger Einigkeit

Wer zur Gamescom geht, geht zocken – oder doch nicht? Die großen Ströme der Gamer ziehen, ohne auch nur den Blick zu wenden – an der unscheinbaren Glaswand vorbei, die die Messehallen vom Kongresszentrum trennt. Während in den Hallen die Unterhaltungskeule geschwungen wird, haben sich einige hundert Menschen in den Räumlichkeiten des Kongresszentrums eingefunden, um mit einer anderen Brille auf die Games zu sehen. In einer der Veranstaltungen wurde die im bald erscheinenden Diagnosemanual ICD-11 neu aufgenommene Diagnose „Gaming Disorder“ diskutiert. Als Psychologin und psychotherapeutisch Tätige natürlich „mein“ Thema! … leider handelte es sich hier um die einzige Veranstaltung des gesamten Kongresses, mit der ich nicht zufrieden war – so viel vorweg.

Selige Einigkeit

Die Moderation der Podiumsdiskussion wurde von David Sweeney übernommen, der dem Team der ISFE (Europe’s video game industry) angehört. Als Gäste waren Michael Lebeau von Ipsos MORI, des führenden Marktforschungs-Unternehmens in Großbritannien, Juriaan van Rijswijk von der Games for Heart Europe Foundation und Prof. Anne Mette Thorauge, Medienpsychologin der University of Copenhagen, geladen.

Im Verlauf dieser Veranstaltung bekam ich leider das Gefühl eines „WHO-Bashings“. Die drei Diskutanten waren sich sehr einig darin, dass die Diagnose „Gaming Disorder“ insbesondere lobbyistischen und schlussendlich wirtschaftlichen Interessen geschuldet sei und im Großen und Ganzen eine überflüssige Diagnose darstelle, die es erleichtert, Menschen zu pathologisieren. Umgekehrt sei es allerdings auch wichtig, dass die Games-Industrie in den Spiegel schaue und ihre Geschäftsmodelle hinterfrage.
Selige Einigkeit mit kleineren Nuancen.

Hier wurde meines Erachtens eine ganz wichtige Chance vertan; zu einer Podiumsdiskussion gehört für mich, dass eben keine Einigkeit herrscht, sondern Vertreter aus verschiedenen Bereichen kontrovers diskutieren. Ich hätte mir einen Vertreter der WHO oder einen klinischen Psychologen aus einer Einrichtung, die mit wirklich abhängigen Spielern arbeitet, gewünscht.

Sinn und Unsinn der Diagnose

Ich persönlich finde Diagnosen ganz grundsätzlich ambivalent, da schnell eine Etikettierung und Schubladen-Einsortierung geschieht und schlussendlich freilich in der Gesundheitsbranche damit Geld verdient wird. Umgekehrt GIBT es schlicht Menschen, die psychisch erkrankt sind, meines Erachtens auch durchaus an einer Computerspiele-Abhängigkeit, und diese Menschen müssen irgendwie diagnostiziert und behandelt werden. Gleichzeitig bin ich aber zutiefst überzeugt davon, dass der allergrößte Teil der Menschen, die nun mit einer „Gaming Disorder“-Diagnose versehen werden können, eigentlich auf einer anderen Ebene erkrankt sind. Schaue ich auf meine Patienten, sehe ich in erster Linie Depressionen, Angststörungen oder Persönlichkeitsstörungen, bei letzterem insbesondere Borderline. Das Spielen dient in all diesen Fällen einer Affektregulierung. Die Diagnose „Gaming Disorder“ weckt zu sehr den Anschein, dass es ein Game oder grundsätzlich „DAS Game“ ist, das den Menschen in eine Abhängigkeit führt und übersieht damit, dass es eigentlich andere intrapsychische Mechanismen sind, die eine solche Abhängigkeit bedingen. Dieser Aspekt fand meines Erachtens zu wenig Gehör – die Möglichkeit, an dieser Stelle differenziert und kontrovers zu diskutieren, wurde leider durch die Auswahl der Gäste ver-spielt.

Mitreden? Gerne!
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Bild: Quakeboy, Android TV game controller, Lizenz: CC0 1.0 (gemeinfrei)

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