Minecraft: Bilder unserer Seelenlandschaft

Wer hat es nicht schon genossen, in Minecraft oder einer anderen Sandbox-Simulation eine Welt zu erschaffen? Das erhebende Gefühl, etwas ganz Eigenes zu kreieren, einfach drauf los zu bauen oder umgekehrt einer „Vision“, einem inneren Bild, Ausdruck zu verleihen?

Im Spielen solcher Games gehen wir einer ganz ursprünglichen Fähigkeit unseres Inneren nach – wir symbolisieren. Wer symbolisieren kann, ist in der Lage, psychische Gebilde zu erzeugen, die innere Zustände repräsentieren. Laut C.G. Jung, dem Begründer der analytischen Psychologie, sind Symbole in ihrer Bedeutung umfassender als ihr Begriff, sie sind aufgrund eines unbewussten Aspekts nicht vollständig erklärbar. (Vgl. C.G. Jung, Gesammelte Werke, Band 18/1, §432)
Man könnte daher auch sagen, dass wir in Symbolen Wege finden, einen inneren Zustand oder einen Teil unseres Seelenlebens auszudrücken. Diese Symbole sind auch universal verständlich – schauen wir uns beispielsweise Märchen oder Sagen aus verschiedenen Kulturen an, finden wir in den Motiven ganz viele Gemeinsamkeiten. Immer wieder geht es um die Sonne, um Brunnen und Wasser, um verdorrte oder vitale Felder, um besondere Bäume oder Häuser und Paläste.

Was tun wir also, wenn wir in Minecraft eine Welt erschaffen mit Dörfern, Feldern, Brunnen und Häusern?

Ich denke, wir bilden darin einen Teil unserer inneren Seelenlandschaft ab. Ich erinnere mich an eine Patientin, die eine zeitlang zu mir kam. In unserer Arbeit brachte sie beinahe zu jeder Sitzung Screenshots aus Minecraft mit und wir sprachen darüber, was sich jeweils verändert hatte. Irgendwann war ihr Wohnhaus unterkellert (-> Zugang zu einer „tieferen“ Bewusstseinsebene, da Häuser häufig das eigene Innere mit den „Stockwerken“ darstellen), auf dem Feld wurde einen Brunnen gebaut (-> Zugang zu einer „inneren Quelle“), ein vermintes Gelände wich einer neuen Siedlung (die Patientin wurde in der Zeit auch unseren Gesprächen zugänglicher), es wurden unterirdische Tunnel gegraben und neue Schätze gehoben… Mir schien es, als ob die Veränderungen in der Minecraft-Welt gleichsam einen Spiegel zu dem darstellten, was sich in der Art ihrer Beziehungsgestaltung zu sich selbst und zu anderen bei ihr veränderte. An anderen Stellen hatte ich eher das Gefühl, dass im Spiel schon etwas antizipiert wurde, was sich „im Außen“ noch nicht sichtbar manifestiert hat.

In der jungschen Psychotherapie ist insbesondere bei den Kinder- und Jugendtherapeuten das Sandspiel ein gerne verwendetes Mittel. Dabei wird in einem ca. 70 x 55 cm großen Sandkasten mit dem Sand und verschiedenen Figuren und Naturmaterialien gearbeitet:

Bilder aus der Sandspieltherapie
Bild: רוליג, Sandplay-six Sessions, Lizenz: CC BY-SA 4.0

Auch dort geht es darum, in der Arbeit mit dem Sand (hier hat man natürlich noch den haptischen Eindruck) etwas Inneres zum Ausdruck zu bringen. Häufig werden auch Dörfer oder Städte gebaut – leider habe ich dazu kein freies Bildmaterial gefunden. Deutlich werden meines Erachtens die Parallelen zwischen Sandspiel und Minecraft (oder anderen Simulationen mit Sandbox-Modus): ein innerer Zustand kann Ausdruck in einer äußeren Form finden. Auch beim Sandspiel lautet die Aufforderung nicht, man möge doch bitte einen inneren Zustand darstellen, sondern man solle einfach tun, wonach einem ist. Und das tun wir doch auch in Minecraft, oder?

Mitreden? Gerne!
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Titelbild: Holley And Chris Melton from Lebanon Ohio., Minecraft pig (15735062557), Lizenz: CC BY 2.0

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