Der Fehlgeborene in „The Witcher 3“ – eine psychotherapeutische Perspektive zum Tölpelbold-Ritual

In einer Grafschaft findet Geralt an Bäumen und Häusern Vermisstenplakate von Tochter und Frau des Barons. Beim Besuch des Barons stellt sich heraus, dass dieser alkoholabhängig ist und im Suff seine schwangere Frau die Treppe heruntergestoßen hat, wodurch diese ihr Baby verlor und traumatisiert mit der anderen Tochter floh. Das in einem Abstand zum Anwesen verscharrte Kind hat sich nun in eine Art Monster, einen sogenannten „Fehlgeborenen“ verwandelt, welcher sich am Baron rächen wird, sobald er stark genug ist.

Das Spiel bietet die Möglichkeit, den Fehlgeborenen endgültig zu töten oder ein Ritual durchzuführen, das das Kind in einen Tölpelbold, eine Art friedlichen Hausgeist, verwandelt. In diesem Ritual sucht der Baron gemeinsam mit Geralt den Fehlgeborenen auf, muss ihn dort auf den Arm nehmen, zurück zum Anwesen tragen, ihn um Vergebung bitten, ihm einen Namen geben geben und ihn anschließend unter der Türschwelle begraben. Glückt das Ritual, hilft der Tölpelbold dabei, die verschollene Frau und Tochter des Barons zu finden.

Was ist hier also aus psychotherapeutischer Sicht geschehen? (Was im Spiel auf eine spezielle Situation hin dargestellt ist, lässt sich in großen Teilen ganz allgemein auf das Thema „Schuld“ / „Schuldgefühle“ und den Umgang damit übertragen)


Das Baby weit weg vom Anwesen verscharren

In der Hoffnung, mit dem Verscharren des Babys auch die Geschichte zu vergessen (zu verdrängen), ganz im Zeichen von „Aus den Augen, aus dem Sinn“, vergräbt der Baron das Baby und damit die Erinnerung in seinem Unbewussten. Im psychotherapeutischen Jargon spricht man hier von Verdrängung. Ziel ist es also, das Geschehen mit sämtlichen Erinnerungen vom Bewusstsein fern zu halten und damit auch nicht mit den aufkommenden Emotionen wie Schuld und Scham in Kontakt zu kommen.

Das Kind hat sich in einen Fehlgeborenen verwandelt, welcher sich am Baron rächen will

Im Spiel wird die Rache als drohende Vernichtung des Barons beschrieben. Verdrängte Bewusstseinsinhalte können in der Tat großen Schaden, im Extremfall vielleicht tatsächlich einen „psychischen Tod“ herbeiführen.

Das Kind im Ritual aufsuchen

Hier geht es um die bewusste Auseinandersetzung mit den verdrängten Inhalten, also der Tat, den Konsequenzen und allen begleitenden Emotionen. Die erste Kontaktaufnahme findet in der Nacht statt; grundsätzlich sind wir nachts zugänglicher für unbewusste Inhalte (beispielsweise in Form von Träumen), generell ist die Abwehr nachts ein Stück heruntergesetzt, wodurch Emotionen meist noch quälender erlebt werden.

Das Kind auf den Arm nehmen

Nach der ersten Annäherung und Kontaktaufnahme kommt der sicher schwierigste Teil – auch in der Cutscene spürt man förmlich den inneren Kampf des Barons: das an-sich-Heranlassen; das Aushalten des Schmerzes, des (Selbst?-)Ekels, der Angst, der Vorwürfe, …. Es geht hier im tiefsten Sinn um Selbstkonfrontation.

Das Kind zum Anwesen tragen

Sieht man das Anwesen symbolisch als die Lebenswelt und ein identitätsstiftendes Merkmal des Barons, geht es darum, die Verdrängung/Abspaltung weiter zu lösen und das Ereignis mit allen Konsequenzen in das eigene Leben zu integrieren.

Das Kind um Verzeihung bitten

An dieser Stelle spricht der Baron zum ersten Mal seine Schuld direkt aus, geht also von der Konfrontation noch einen Schritt weiter. Vielleicht wird ihm auch in diesem Moment zum ersten Mal das gesamte Ausmaß seiner Tat und seiner Schuld bewusst.
Wie wichtig Vergebung für die eigene Psychohygiene und den eigenen Seelenfrieden ist, ist sicher deutlich. Meines Erachtens geht es hier sowohl darum, dass sich der Baron Vergebung von dem Kind wünscht, als auch hofft, sich selbst vergeben zu können.


Dem Kind einen Namen geben

Wenn wir uns einer Person oder Gruppe vorstellen, nennen wir nicht umsonst zuerst unseren Namen: Namen sind in besonderer Weise identitätsstiftend. Aus dem „Etwas“, das der Baron vergessen möchte, wird ein Wesen mit einer Identität, mit einer nicht gelebten Geschichte, einem nicht gelebten Leben.
Auf einer anderen Ebene könnte man auch sagen, er „nennt die Sache beim Namen“, kann also seine Tat und seine Schuld und das Geschehen zum ersten Mal richtig in Worte fassen. Das Finden von Worten für traumatische Situationen ist von äußerster Wichtigkeit im Verarbeitungsprozess, da „das Unsagbare“ plötzlich eine Form in Gestalt von Sprache bekommt. Durch das Aus-sprechen wird es möglich, sich vom Erlebten zu distanzieren, es nicht mehr nur noch als inneres, überwältigendes Geschehen zu verarbeiten, sondern in einen (Beziehungs-)Raum zu geben.

Das Kind unter der Türschwelle begraben

Die Türschwelle kann selbstverständlich ebenfalls sehr vielschichtig gedeutet werden. as Begraben unter der Schwelle könnte einen weiteren Schritt in der Integration des Ereignisses ins Leben (symbolisiert durch das Anwesen) des Barons darstellen. Es könnte auch darum gehen, das Kind wieder in die Familie und ins Familienbewusstsein zu integrieren – es gehört dazu, auch, wenn tot ist.

Nach längerer Wartezeit Verwandlung in einen friedlichen Hausgeist, der hilft, Mutter und Tochter zu finden

Niemand – nicht einmal Geralt oder irgendein Ritual, vermag mit dem Finger zu schnippen und alles ist gut. Auch im Spiel muss gewartet werden, bis sich die Wandlung vollzieht. Ebenso kann ein innerer Prozess der Trauer und der Reue nicht beschleunigt werden, durch ein Ritual nicht einfach abgeschlossen werden.
Gelingt dieser Prozess, kann aus der schrecklichen Situation im besten Fall (!) etwas Gutes entstehen, das uns auf unserem weiteren Lebensweg begleitet. Die Lücke jedoch – das nicht gelebte Leben des Kindes – bleibt bestehen. Auch im Spiel. Auch hier wird nicht alles gut.

Geralt übernimmt in diesem Prozess eine erstaunlich therapeutische Rolle: Er kann dem Baron den schwierigen Weg nicht abnehmen, jedoch gibt Geralt Hilfestellungen, unterstützt an Stellen, wo es möglich ist, fungiert als Zeuge für diesen intimen Prozess und ist einfach „da“. Auch Therapeuten können ihren Patienten die schwierigen Konfrontationen, den Schmerz, die Trauer, die Wut und alle anderen Gefühle nicht abnehmen, aber sie können Hilfestellungen geben und den Patienten durch ihre Anwesenheit begleiten und stützen.

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